Es beginnt fast immer harmlos. Ein Modul auf dem Flohmarkt, ein Karton mit alten Disketten von einem Bekannten, ein nostalgischer Abend mit dem Lieblingsspiel der Kindheit. Und plötzlich stehst du in deinem Wohnzimmer und überlegst, wo das dritte Regal hin soll. Retro-Spiele sammeln ist ein wunderbares Hobby, aber ohne Plan wird es schnell teuer und chaotisch. Hier ist der Guide, den ich mir am Anfang gewünscht hätte.
Retro-Spiele sammeln mit Plan: Fokus schlägt Masse
Der häufigste Anfängerfehler ist, alles zu kaufen, was alt aussieht und wenig kostet. Nach einem Jahr besitzt du dann 200 Spiele für acht Systeme, von denen du keines wirklich liebst. Besser: Wähle eine Plattform, zu der du eine echte Verbindung hast. Vielleicht der Brotkasten deiner Jugend, dann sind unsere besten C64-Spiele der 80er ein guter Startpunkt. Vielleicht auch ein Genre statt einer Plattform, etwa Point-and-Click-Adventures oder Rennspiele. Ein klarer Fokus macht die Jagd spannender und die Sammlung wertvoller, weil sie eine Geschichte erzählt.
Zustand und Vollständigkeit: Die Vokabeln der Sammler
Drei Begriffe solltest du kennen, bevor du das erste Mal Geld ausgibst. „Loose“ bedeutet: nur das Modul oder die Disc, ohne Verpackung. „CIB“ (complete in box) heißt: Spiel, Originalverpackung und Anleitung sind vorhanden. Und „sealed“ bezeichnet originalverschweißte Ware, die eher Wertanlage als Spielzeug ist. Der Preisunterschied zwischen loose und CIB kann enorm sein, gerade bei begehrten Titeln.
Prüfe beim Kauf immer den echten Zustand: Sind die Etiketten auf Modulen unbeschädigt und original? Ist die Anleitung wirklich die zum Spiel gehörende und nicht eine Kopie? Riecht der Karton nach Keller oder Zigaretten? Bei Disketten und CDs zählt außerdem die Frage, ob das Medium überhaupt noch lesbar ist. Ein hübscher Karton mit toter Diskette ist nur ein hübscher Karton.
Mit der Zeit entwickelst du ein Auge für die feinen Abstufungen dazwischen. Sammler unterscheiden grob zwischen makellosen Exemplaren, normalen Gebrauchsspuren und echten Beschädigungen wie Rissen, Wasserflecken oder fehlenden Innenteilen. Gerade die Pappschachteln sind meist der empfindlichste Teil eines Spiels und bestimmen den Wert oft stärker als das Modul selbst. Ein ehrlich beschriebener mittlerer Zustand ist dabei völlig in Ordnung, solange der Preis dazu passt.
Wo du fündig wirst
Flohmärkte und Haushaltsauflösungen sind nach wie vor die Orte für Glückstreffer, auch wenn die großen Schnäppchenzeiten vorbei sind. Kleinanzeigenportale liefern das größte Angebot, verlangen aber Geduld und ein gesundes Misstrauen. Auf Auktionsplattformen wie eBay bekommst du realistische Marktpreise, zahlst dafür aber selten unter Wert. Und dann gibt es noch Retrobörsen und Sammlertreffen: Dort sind die Preise oft fair, du kannst die Ware in die Hand nehmen und triffst nebenbei Leute, die ebenfalls Retro-Spiele sammeln. Unterschätze diesen letzten Punkt nicht.
Fälschungen und Preisfallen erkennen
Je begehrter ein Titel, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Fälschungen im Umlauf sind. Reproduktionsmodule mit nachgedruckten Etiketten sind bei teuren NES-, SNES- und Game-Boy-Spielen ein reales Problem. Achte auf die Qualität des Etikettendrucks, auf die Schrauben am Gehäuse und darauf, ob die Platine im Inneren zum Hersteller passt. Im Zweifel: Vergleichsfotos suchen und beim Verkäufer nach Bildern der Platine fragen. Seriöse Anbieter liefern die ohne Murren.
Die zweite Falle sind Mondpreise. Nicht jedes alte Spiel ist wertvoll, die meisten Sportspiele und Massentitel sind es ausdrücklich nicht. Schau vor jedem größeren Kauf, was ein Titel in vergleichbarem Zustand zuletzt tatsächlich gekostet hat, nicht, was Verkäufer dafür verlangen. Verkaufte Auktionen sind dabei aussagekräftiger als laufende Angebote, denn ein Wunschpreis ist noch lange kein Marktpreis. Und lass dich von „selten!“ in der Artikelbeschreibung nicht beeindrucken: Wirklich seltene Titel erkennst du daran, dass kaum Angebote existieren, nicht daran, dass es jemand behauptet.
Lagern, pflegen, erhalten
Eine Sammlung ist nur so gut wie ihre Lagerung. Direkte Sonne bleicht Kartons und vergilbt Plastik, feuchte Keller ruinieren Pappe und Platinen. Ideal ist ein trockener Raum mit stabiler Temperatur, Kartons stehend wie Bücher, Module staubgeschützt. Kontaktflächen von Modulen lassen sich vorsichtig mit Isopropanol reinigen, und alte Batterien in Modulen und Rechnern solltest du im Auge behalten, bevor sie auslaufen. Wie du Datenträger und Spielstände langfristig sicherst, liest du in unserem Beitrag zum Erhalten alter Spiele.
Am Ende ist eine Sammlung mehr als eine Reihe von Preisschildern. Sie ist ein Stück konservierte Videospielgeschichte in deinem Regal. Kauf, was du spielen und lieben willst, nicht, was eine Preisliste dir vorschlägt. Dann macht das Retro-Spiele-Sammeln auch in zehn Jahren noch Freude.