Pausenhof, irgendwann Anfang der 90er. Zwei Lager, eine Frage: Mega Drive oder Super Nintendo? Wer die falsche Antwort gab, hatte ein Problem. Der Konsolenkrieg zwischen Sega und Nintendo war mehr als ein Wettbewerb zweier Firmen. Er war ein Kulturkampf mit Maskottchen, Werbeschlachten und einer Härte, die es in der Branche vorher nicht gegeben hatte.
Der Herausforderer legt vor
Ende der 80er dominierte Nintendo mit dem NES den Konsolenmarkt fast nach Belieben. Sega, bis dahin vor allem in der Spielhalle erfolgreich, wagte den Angriff: 1988 erschien in Japan der Mega Drive, ein 16-Bit-System, das den 8-Bit-Marktführer technisch alt aussehen ließ. In den USA startete die Konsole 1989 unter dem Namen Genesis, und Sega fuhr dort eine Kampagne, die direkt auf den Konkurrenten zielte. Der berühmte Slogan: Genesis does what Nintendon’t. So frech hatte noch niemand gegen den Branchenriesen ausgeteilt.
Nintendo ließ sich Zeit und konterte 1990 in Japan mit dem Super Famicom, der 1991 als Super Nintendo in die USA und 1992 nach Europa kam. Schwächerer Prozessor, dafür bessere Grafik-Modi und der überlegene Sound. Damit war das Duell perfekt.
Sonic gegen Mario
Sega wusste: Gegen Super Mario braucht es eine eigene Ikone. 1991 erschien Sonic the Hedgehog, ein blauer Igel mit Turnschuhen, Attitüde und vor allem Geschwindigkeit. Sonic war alles, was Mario nicht war: schnell, frech, cool. Genau das war die Botschaft an die Teenager, denen Nintendo plötzlich zu brav wirkte. Der Plan ging auf, und der Konsolenkrieg erreichte seinen Höhepunkt: In den USA lieferten sich beide Konsolen zeitweise ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen. Wer heute wissen will, wie sich diese Ära anfühlte, findet in unserer Geschichte klassischer Videospiele den größeren Rahmen dieser bemerkenswerten Jahre.
Mortal Kombat und die Gewaltdebatte
1993 eskalierte der Konsolenkrieg an einer unerwarteten Front. Der Spielhallen-Hit Mortal Kombat kam für beide Konsolen heraus, aber in sehr unterschiedlichen Fassungen: Nintendo ließ das Blut entfernen, Sega machte es per Code freischaltbar. Die ungeschnittene Fassung verkaufte sich deutlich besser, doch der öffentliche Aufschrei war gewaltig. In den USA folgten Anhörungen im Kongress und schließlich die Gründung der Alterskennzeichnung ESRB. In Deutschland gingen die Behörden noch strenger vor, wie ein Blick auf unsere Liste indizierter Spiele zeigt. Die Gewaltdebatte der 90er hat das Spielemedium jahrelang begleitet.
Der Konsolenkrieg in Europa und Deutschland
In Europa verlief das Duell anders als in Japan oder den USA. Hier hatte Sega einen Heimvorteil, der oft übersehen wird: Schon das Master System war auf dem alten Kontinent deutlich erfolgreicher als in Übersee, und der Mega Drive kam in Europa auf den Markt, lange bevor Nintendo sein 16-Bit-System nachschob. Diesen Vorsprung nutzte Sega konsequent, und so war der Mega Drive in vielen europäischen Ländern die prägende Konsole der frühen 90er. Auch hierzulande tobte der Konsolenkrieg auf dem Pausenhof genauso erbittert wie in Amerika, nur mit eigenen Waffen: Segas Werbung setzte auf freche Sprüche und ein rotziges Image, während Nintendo auf Familienfreundlichkeit und starke Marken baute.
Angeheizt wurde die Rivalität von den Spielezeitschriften jener Jahre, die Vergleichstests, Leserbriefschlachten und Wertungsdiskussionen druckten, als ginge es um Fußball-Derbys. Welches Heft jemand las, verriet oft schon, in welchem Lager er stand. Dazu kamen die PAL-Eigenheiten: Viele Umsetzungen liefen in Europa langsamer und mit schwarzen Balken, und wer beide Konsolen kannte, verglich solche Details damals sehr genau. All das machte die europäische Ausgabe des Duells zu einer ganz eigenen Geschichte, die sich nicht einfach aus amerikanischen Verkaufszahlen ablesen lässt.
Wie der Konsolenkrieg endete
Ironischerweise gewann am Ende keiner der beiden Kontrahenten. Sega verzettelte sich mit hastigen Hardware-Erweiterungen wie dem Mega-CD und dem 32X, die Kunden und Entwickler gleichermaßen verwirrten. Nintendo wiederum verprellte seinen Partner Sony, der aus einem gemeinsamen CD-Laufwerk-Projekt kurzerhand eine eigene Konsole machte. Als die PlayStation 1994 in Japan erschien, veränderte sie den Markt komplett. Segas Saturn kam nie richtig auf die Beine, und Nintendo hielt mit dem N64 zwar stand, verlor aber die Marktführung.
Geblieben ist die vielleicht prägendste Rivalität der Videospielgeschichte. Sie hat uns Sonic geschenkt, das Super Nintendo zu Höchstleistungen getrieben und gezeigt, dass Wettbewerb die besten Spiele hervorbringt. Viele Klassiker jener Jahre standen den Arcade-Spielen der 80er in nichts nach, im Gegenteil: Die 16-Bit-Ära gilt bis heute als eine der kreativsten Phasen des Mediums. Und die alte Pausenhof-Frage? Die beantwortet heute jeder entspannt mit: beide.