Herbst 1977. In den USA steht ein unscheinbarer Kasten mit Holzfurnier-Front in den Läden, daneben zwei Joysticks und ein Modul namens Combat. Preis: 199 Dollar. Kaum jemand ahnt, dass dieses Gerät das Fundament der gesamten Konsolen-Industrie legen wird. Die Atari 2600, damals noch Atari VCS genannt, machte Videospiele zum Massenphänomen und verwandelte Wohnzimmer rund um den Globus in kleine Spielhallen.
Vom Pong-Automaten zum Video Computer System
Atari war Mitte der 70er vor allem für seine Automaten bekannt. Wie das Unternehmen mit einem simplen Ballspiel groß wurde, erzählt unser Artikel über die Frage, wer Pong erfunden hat. Doch Firmengründer Nolan Bushnell wusste: Heimgeräte, die nur ein einziges fest verdrahtetes Spiel beherrschen, sind eine Sackgasse. Die Zukunft gehörte einer Konsole mit austauschbaren Spielen. Weil die Entwicklung eines solchen Systems teuer war, verkaufte Bushnell Atari 1976 an Warner Communications, um die Fertigstellung zu finanzieren.
Ganz neu war die Idee der Module übrigens nicht. Schon die Magnavox Odyssey, die erste Spielekonsole von 1972, arbeitete mit Steckkarten, und die Fairchild Channel F hatte 1976 echte ROM-Module eingeführt. Aber erst die Atari 2600 machte das Prinzip zum weltweiten Erfolg.
Atari 2600: Technik am absoluten Limit
Aus heutiger Sicht ist die Hardware geradezu absurd knapp bemessen. Ein MOS 6507-Prozessor mit etwas über einem Megahertz, 128 Byte Arbeitsspeicher, kein Videospeicher im eigentlichen Sinn. Der berüchtigte TIA-Chip zwang die Programmierer, das Fernsehbild Zeile für Zeile in Echtzeit aufzubauen. Racing the Beam nannte man diese Kunst, das Wettrennen gegen den Elektronenstrahl. Was zunächst wie eine Fessel wirkte, entpuppte sich als Ansporn: Über die Jahre kitzelten Entwickler Dinge aus der Konsole heraus, die ihre Konstrukteure nie für möglich gehalten hätten.
Space Invaders und der große Durchbruch
Die ersten Jahre liefen ordentlich, aber nicht überragend. Der Wendepunkt kam 1980, als Atari sich die Heimrechte an Space Invaders sicherte, dem gefeierten Automaten-Hit aus Japan. Zum ersten Mal gab es einen echten Spielhallen-Blockbuster fürs Wohnzimmer, und plötzlich kauften die Leute die Konsole allein wegen eines einzigen Spiels. Wie sehr die Automatenkultur damals alles prägte, zeigt unser Blick auf die Geschichte der Arcade-Automaten. Danach ging es Schlag auf Schlag: Asteroids, Missile Command und Adventure, das mit dem ersten berühmten Easter Egg der Konsolengeschichte überraschte.
Activision und die Erfindung des Third-Party-Studios
1979 passierte etwas, das die Branche bis heute prägt. Vier der besten Atari-Programmierer, darunter David Crane und Larry Kaplan, waren frustriert: Ihre Spiele verkauften sich millionenfach, doch auf den Verpackungen stand nicht einmal ihr Name, von Gewinnbeteiligung ganz zu schweigen. Sie kündigten und gründeten Activision, den ersten unabhängigen Hersteller, der Module für eine fremde Konsole produzierte. Atari wehrte sich juristisch, konnte die Entwicklung aber nicht aufhalten: Third-Party-Spiele wurden zur Normalität. Mit Hits wie Pitfall! bewies Activision, dass Außenstehende die Hardware sogar besser beherrschen konnten als der Hersteller selbst.
Ein erstaunlich langes Leben
Der große Marktcrash von 1983 traf Atari mit voller Wucht, doch totzukriegen war die Konsole nicht. 1986 legte das Unternehmen sie als günstige 2600 Jr. neu auf, und produziert wurde tatsächlich bis 1992. Ein Lebenszyklus von rund fünfzehn Jahren, davon können heutige Systeme nur träumen. Millionenfach verkauft, hunderte Spiele, eine ganze Generation geprägt: Die Atari 2600 war nicht die erste Konsole, aber sie war die erste, die wirklich alles veränderte. Sie etablierte das Geschäftsmodell mit günstiger Hardware und gewinnbringender Software, sie schuf den Beruf des Konsolen-Spieleentwicklers, und ihr Joystick mit dem einen roten Knopf ist bis heute das vielleicht bekannteste Symbol für Videospiele überhaupt.
Die Atari 2600 heute: Sammler und Homebrew
Bemerkenswert ist, wie lebendig die Plattform bis heute geblieben ist. Die Hardware galt schon damals als robust, und viele Konsolen laufen nach all den Jahrzehnten noch anstandslos, oft reicht das Reinigen der Modulkontakte. Für Sammler ist das System ein dankbares Feld: Häufige Titel wie Combat oder Pac-Man gibt es für kleines Geld in großen Mengen, während seltene Module mit intakter Verpackung gesuchte Stücke sind. Daneben existiert eine aktive Homebrew-Szene, die bis heute neue Spiele für die alte Hardware programmiert und dabei Techniken nutzt, von denen die Pioniere nur träumen konnten. Kaum ein anderes System aus dieser Zeit wird noch so aktiv bespielt, besammelt und weiterentwickelt. Wenn du selbst alte Module besitzt, findest du in unserem Ratgeber zum Erhalten von Retro-Spielen Tipps, wie Konsole und Sammlung die nächsten Jahrzehnte überstehen.